Business as usual geht nicht
Shownotes
Mitwirkende: Daniela Pauli, BirdLife Schweiz, Mitglied der Leitungsgruppe NFP 82 · Markus Fischer, Universität Bern, Präsident der Leitungsgruppe NFP 82 · Julia Leventon, CzechGlobe, Keynote-Referentin an der Auftaktveranstaltung des NFP 82 · Bastien Amez-Droz, Pro Natura, Projektverantwortlicher im Projekt «FuturePeat - Die Zukunft der Moorlandschaften» des NFP 82
Moderation: Patricia Michaud und Christian Heuss
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Schnitt und Postproduktion: Simon Meyer · Audiobranding: Lukas Fretz · Cover: Sangye Zahn · Balzgesang des Grossen Brachvogels: David Nayer, xeno-canto XC896531, CC BY-NC-SA 4.0
«biodivers» erscheint auch auf Französisch, in einem eigenen Kanal (ab Ende Oktober 2026).
Herausgeber: Nationales Forschungsprogramm NFP 82 «Biodiversität und Ökosystemleistungen», Schweizerischer Nationalfonds.
Transkript anzeigen
00:00:00: Hallo Patricia.
00:00:05: Hoi Christian.
00:00:07: Hast du diesen Vogel schon einmal gehört?
00:00:10: Ich bin nicht sicher. Vielleicht beim Wandern?
00:00:13: Beim Wandern heute kaum mehr.
00:00:16: Das ist nämlich der Grosse Brachvogel mit seinem langen, nach unten gebogenen Schnabel
00:00:21: und als Brutvogel ist er in der Schweiz seit 2006 verschwunden.
00:00:25: Das wusste ich nicht.
00:00:27: Ja und so geht es den meisten. Wir wissen gar nicht, welche Arten in den letzten Jahrzehnten verschwunden sind.
00:00:33: Das merken nur ganz wenige, sagt die Biologin Daniela Pauli.
00:00:37: Das sind Spezialistinnen und Spezialisten, die erkennen, oh, da ist eine Population verloren gegangen
00:00:42: und sie ist kleiner geworden, der Bestand ist lückiger.
00:00:45: Es dauert aber sehr lange, bis dann in der Roten Liste eine Art den Status erhält, sie ist ausgestorben.
00:00:51: Das geht Jahrzehnte, wenn überhaupt. Und das als Normalbürgerinnen und Bürger sehe ich das schlicht nicht, dieses Aussterben.
00:00:59: Daniela Pauli ist Biologin, viele Jahre Leiterin des Forums Biodiversität Schweiz, heute bei BirdLife Schweiz
00:01:05: und sie hat das nationale Forschungsprogramm zu Biodiversität und Ökosystemleistungen mit angestossen.
00:01:13: Und sie beschreibt das Grundproblem.
00:01:15: Der Verlust der Natur findet statt, aber wir sehen und hören den Verlust nicht, ausser man weiss, welche Geräusche fehlen.
00:01:29: «biodivers», der Podcast zum Nationalen Forschungsprogramm 82 «Biodiversität und Ökosystemleistungen».
00:01:40: Ich bin Patricia Michaud, ich bin Wissenschaftsjournalistin.
00:01:43: Und ich bin Christian Heuss, Verantwortlicher für Wissensvermittlung dieses nationalen Forschungsprogramms.
00:01:49: Wir begleiten dieses Programm über die nächsten Jahre.
00:01:53: 15 Forschungsprojekte verteilt über die ganze Schweiz.
00:01:58: Wir schauen ihnen zu, wir fragen nach und wir berichten, was dabei herauskommt.
00:02:07: Christian, heute besprechen wir in dieser Podcast-Folge die Grundlagen dieses nationalen Forschungsprogramms
00:02:14: in Biodiversität und Ökosystemleistungen. Kannst du seine Ziele beschreiben?
00:02:20: Ganz kurz zusammengefasst, dieses nationale Forschungsprogramm will über die nächsten fünf Jahre herausfinden,
00:02:27: wie die Schweiz ihre Biodiversität erhalten und nachhaltig nutzen kann.
00:02:31: Es soll offene Wissenslücken schliessen, aber auch nach den Werten fragen, die Menschen mit der Natur verbinden.
00:02:38: Mit Leuten aus der Praxis will es nach Regeln und Wegen suchen, die unseren Umgang mit der Natur tatsächlich verändern.
00:02:46: Und du hast die beiden getroffen, die das Programm initiiert haben.
00:02:51: Daniela Pauli, die wir vorher schon gehört haben.
00:02:54: Heute bei BirdLife Schweiz und den Pflanzenökologen Markus Fischer von der Universität Bern.
00:03:01: In Markus Fischers Büro beim Botanischen Garten in Bern.
00:03:04: Und Markus Fischer macht in diesem Gespräch zuerst eine unbequeme Feststellung.
00:03:10: Wir müssen einen anderen Umgang mit der Natur finden.
00:03:13: Business as usual geht nicht. Das ist weder für die Natur ein Zukunftsmodell, noch für die Gesellschaft,
00:03:20: weil wir eben von der Natur abhängen.
00:03:23: Wir hängen von der Natur ab.
00:03:27: Christian, das nationale Forschungsprogramm untersucht die Biodiversität in der Schweiz,
00:03:33: aber auch seine Ökosystemleistungen.
00:03:37: Bevor wir über Biodiversität sprechen, was sind eigentlich Ökosystemleistungen?
00:03:42: Ja, das ist tatsächlich ein sperriger Begriff, Ökosystemleistungen.
00:03:46: Das sind all jene Leistungen und Erzeugnisse, die die Natur für uns produziert.
00:03:52: Alles, was die Natur uns gibt.
00:03:54: Und diese Leistungen, die haben auch einen ökonomischen Wert, sagt Daniela Pauli.
00:03:59: Man kann das teilweise sogar in monetär ausdrücken, in Dollar oder Franken.
00:04:05: Das war die Idee dahinter.
00:04:06: Dass man in der Diskussion oder auch in der Interessenabwägung etwas hat,
00:04:11: was man in die Waagschale werfen kann, wenn es darum geht,
00:04:14: wie viel Wert ist eigentlich die Natur, wie viel Wert hat die Natur.
00:04:18: Ökosystemleistungen ist also ein Begriff, um die Natur auch wirtschaftlich beschreiben zu können.
00:04:24: Was gehört da jetzt ganz konkret dazu?
00:04:27: Markus Fischer nennt einige Beispiele.
00:04:29: Zum Beispiel die Produktion von Nahrungsmitteln oder von Materialien wie zum Beispiel Holz oder Arzneimitteln
00:04:37: oder die Energieproduktion durch Energiepflanzen.
00:04:41: Also alles, was man anfassen kann.
00:04:43: Ökosysteme hätten aber auch eine regulierende Wirkung, zum Beispiel aufs Klima.
00:04:48: Regulierung des Mikroklimas, wo es mehr bewaldet ist, es ist feuchter zum Beispiel.
00:04:52: Oder die Regulierung der Bodenqualität, Nährstoffgehalt zum Beispiel,
00:04:59: Verhinderung von Erosion, die Bestäubung von Nutzpflanzen.
00:05:03: Es gibt verschiedene solche regulierende Leistungen.
00:05:06: Für mich ist die Natur dann vor allem wichtig, wenn ich mich draussen bewege.
00:05:11: Reden wir da vom Gleichen?
00:05:13: Ja genau, das sind die sogenannten immateriellen Werte von Ökosystemen.
00:05:17: Die Erholungsfunktion, das Heimatgefühl, das wir mit der Biodiversität verbinden, die uns umgibt.
00:05:25: Die Gesundheitswirkung der biologischen Vielfalt.
00:05:28: Und all diese Leistungen der Natur, die stehen auf dem Spiel.
00:05:32: Wenn wir so weitermachen, sagt Markus Fischer, dann verschwindet die Natur Schritt für Schritt.
00:05:38: Wie viel Natur und Biodiversität ist in der Schweiz denn bereits verschwunden?
00:05:42: Neuere Studien zeigen, dass in der Schweiz bereits mehr als ein Drittel der untersuchten Arten gefährdet oder sogar schon ausgestorben ist.
00:05:51: Fast die Hälfte der Lebensräume ist bedroht, am stärksten Gewässer und Moore.
00:05:56: Und weltweit sind nach dem Weltbiodiversitätsrat rund eine Million Arten vom Aussterben bedroht.
00:06:03: Und was kann ein Forschungsprogramm hier in der Schweiz in dieser Situation noch leisten?
00:06:09: Markus Fischer formuliert es so.
00:06:11: Ja, wenn Business as usual nicht funktioniert, was kann man dann machen?
00:06:16: Was kann man anders machen?
00:06:18: Und wenn man so viel weiss und das, was wir jetzt machen, nicht richtig ist,
00:06:23: warum wird das dann eigentlich trotzdem gemacht?
00:06:25: Welche Hindernisse sind da eigentlich im Weg?
00:06:28: Und wie kann man mit diesen Hindernissen umgehen?
00:06:31: Das ist eigentlich keine naturwissenschaftliche Forschungsfrage.
00:06:41: Das ist ja fast eher eine Frage an die Psychologie, oder?
00:06:45: Oder an die Politik.
00:06:46: Daniela Pauli gibt dazu ein Beispiel.
00:06:49: Für den Naturschutz tun wir eigentlich schon ganz viel hier in der Schweiz.
00:06:53: Aber sehr oft machen wir es zu wenig konsequent.
00:06:56: In der Schweiz haben wir unter anderem die nationalen Biotope, Trockenwiesen, Moore, Auen und so weiter.
00:07:02: Aber diese werden längst nicht vollständig umgesetzt.
00:07:05: Wir haben auf dem Papier die Schutzgebiete.
00:07:08: Aber die werden beeinträchtigt, zum Beispiel durch Nährstoffeinflüsse von aussen.
00:07:12: Oder in den Mooren sind alte Drainagen drin, die nie verschlossen wurden.
00:07:16: Die verlieren Wasser und so weiter.
00:07:18: Das heisst, es fehlt auch an der Umsetzung.
00:07:21: Daniela Pauli sagt also, Naturschutz funktioniert auf dem Papier.
00:07:26: Aber in Wirklichkeit ist er oft stark beeinträchtigt.
00:07:31: Ja, und die Schweiz ist da auch kein Sonderfall.
00:07:33: Bei der Eröffnungsveranstaltung des Programms hat die Nachhaltigkeitsforscherin Julia Leventon
00:07:39: den gleichen Negativtrend für die ganze Welt gezeigt.
00:07:46: Die Beteiligung an multilateralen Umweltabkommen ist gestiegen.
00:07:52: Auch die Zahl der Schutzgebiete ist gestiegen.
00:07:54: Unser wissenschaftlicher Kenntnisstand über die biologische Vielfalt hat sich erweitert.
00:07:59: Und es gibt immer mehr Umweltgutachten, beispielsweise des Weltbiodiversitätsrats.
00:08:05: Trotzdem nimmt die biologische Vielfalt weiter ab.
00:08:09: Wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher.
00:08:12: Wir müssen etwas ändern.
00:08:16: Schutzgebiete, internationale Abkommen, wissenschaftliche Studien.
00:08:20: Von allem gibt es immer mehr.
00:08:23: Und trotzdem geht es der Natur und der Biodiversität immer schlechter.
00:08:28: Die Wissenschaft ist sich einig, wir müssen die Biodiversität anders erhalten wie bisher.
00:08:33: Nur die grosse Frage ist, wie?
00:08:41: Das Ziel eines wissenschaftlichen Forschungsprogramms ist doch, neues Wissen zu schaffen.
00:08:49: In diesem Fall zu Biodiversität.
00:08:51: Schon, aber dieses nationale Forschungsprogramm beschreitet durchaus auch neue Wege.
00:08:56: Es will nicht nur mehr über die Biodiversität lernen,
00:08:59: sondern vor allem auch darüber, wie wir als Gesellschaft die Biodiversität besser erhalten können.
00:09:06: Es brauche dafür, sagt Markus Fischer, unterschiedliche Ebenen von Wissen,
00:09:11: das beginnt mit dem Systemwissen.
00:09:14: Ja, also Systemwissen ist zum Beispiel,
00:09:17: wenn ich weiss, ich mache eine Landnutzungsänderung,
00:09:20: zum Beispiel ich dünge, wie reagiert dann eine Wiese?
00:09:23: Aha, einige Arten nehmen zu, die wachsen schnell,
00:09:27: beschatten die anderen und die gehen dann verloren.
00:09:30: Also nimmt die Vielfalt ab und die Vielfalt der Funktionen nimmt auch ab.
00:09:33: Das wäre Systemwissen.
00:09:36: Das ist noch ohne Bewertung, das ist einfach die biologische, ökologische, ökologischen Abläufe in diesem Beispiel.
00:09:44: Systemwissen, das ist klassisches Forschungswissen, also zum Beispiel zur Ökologie ohne eine Wertung.
00:09:53: Viele Forschungsprogramme hören genau an diesem Punkt auf.
00:09:57: Aber dieses nationale Forschungsprogramm will einen Schritt weiter gehen,
00:10:01: indem es auf ein Ziel zusteuert.
00:10:04: Zielwissen wäre dann, was wäre dann eigentlich die richtige Wiese,
00:10:09: die richtige Behandlung dieser Wiese.
00:10:13: Und da fliessen natürlich dann verschiedene Akteursgruppen ein,
00:10:17: die ja vielleicht ein Interesse daran haben.
00:10:18: Und natürlich ganz entscheidend das Gemeinwohl.
00:10:23: Und dann, wenn man weiss, welches Ziel man eigentlich anstrebt,
00:10:26: zum Beispiel für die Anzahl Schutzgebiete in der Schweiz und deren Fläche und Qualität
00:10:32: oder auch für die gewünschten Leistungen der Ökosysteme für den Menschen,
00:10:39: dann ist die Frage, wie kommen wir da eigentlich hin?
00:10:41: Es geht also auch um den Weg zum Ziel.
00:10:44: Und da sind wir plötzlich nicht mehr nur in der Biologie.
00:10:49: Denn welche Wiese ist die richtige, das kann ja kein Messgerät sagen.
00:10:54: Das entscheiden Menschen.
00:10:56: Und deshalb sitzen bei dieser Frage auf einmal Bäuerinnen und Bauern,
00:11:00: Gemeinden, Verbände mit am Tisch mit ihren Erfahrungen und ihren eigenen Interessen.
00:11:05: Und dafür braucht es dann eben eine dritte Ebene an Wissen, sagt Markus Fischer.
00:11:10: Das Handlungswissen.
00:11:11: Wer sollte eigentlich was machen oder wer kann was machen, um auf dieses Ziel zuzusteuern?
00:11:18: Und wer sollte was unterlassen?
00:11:21: Und wir haben mehr und mehr gelernt, unter anderem durch die Arbeit des erwähnten Weltbiodiversitätsrats,
00:11:28: dass eben, um einen solchen Wandel einzuleiten, muss man alles anschauen.
00:11:33: Also die Wertvorstellungen, die im Verhalten zugrunde liegen, das Verhalten, das sich dann aus diesen Wertvorstellungen ableitet
00:11:41: und schlussendlich auch die Strukturen, die sich bilden.
00:11:45: Halten wir das fest.
00:11:47: Systemwissen, Zielwissen, Handlungswissen.
00:11:50: Zielwissen, Handlungswissen gehen ohne unser Zutun nicht.
00:11:54: Es braucht uns alle.
00:12:01: Für Markus Fischer und Daniela Pauli sind zwei Begriffe zu diesem nationalen Forschungsprogramm ganz zentral.
00:12:09: Transdisziplinär und Transformation.
00:12:12: Da gebe ich zu, Christian.
00:12:14: Bei beiden weiss ich nicht so genau, was in diesem Zusammenhang gemeint ist.
00:12:20: Beginnen wir beim ersten deiner Begriffe.
00:12:24: Transdisziplinär.
00:12:25: Daniela Pauli erklärt es so.
00:12:28: Transdisziplinär bedeutet, dass man Akteure, die diese Ergebnisse eines Forschungsprojekts oder Programms nutzen sollen,
00:12:35: dass man die von Anfang her in den Prozess einbezieht.
00:12:38: Sie meint, dass Forschende mit zum Beispiel Bäuerinnen oder Landschaftsplaner oder Naturschützerinnen sich vom Anfang an zusammentun, um ein Forschungsprojekt zu planen und umzusetzen?
00:12:52: Daniela Pauli hat mir von ihrem Frust als junge Forscherin erzählt, sie wollte eigentlich immer sehr praxisnah arbeiten.
00:13:00: Gegen Ende meiner Dissertation war ich an einem Kongress, wo Forschende ihre Arbeiten vorgestellt haben.
00:13:06: Und die haben alle das Gefühl gehabt, das ist praxisrelevant, was wir hier machen.
00:13:09: Und die Frage war dann am Schluss des Referats, ja, wie setzt jetzt die Praxis diese Ergebnisse ein?
00:13:15: Und die Antwort war, gar nicht.
00:13:17: Wir haben völlig andere Probleme.
00:13:19: Die Erkenntnisse der Wissenschaft wurden in der Praxis schlicht nicht eingesetzt.
00:13:24: Diese Situation, die habe sie geprägt, sagt Daniela Pauli.
00:13:28: Es geht nicht nur darum, am Schluss der Forschungsarbeit sich noch zu überlegen, wie könnte die Praxis das anwenden,
00:13:33: sondern wenn wir etwas tun wollen, etwas forschen wollen, das wirklich relevant ist und etwas bewegt in der Praxis,
00:13:40: dann müssen wir die Leute von der Praxis von Anfang her dabei haben.
00:13:44: Und deshalb ist auch dieses Forschungsprogramm wirklich so ausgerichtet.
00:13:47: Nicht erst am Schluss, sondern ganz von Anfang an die Fragen formulieren, da gehört bereits die Praxis mit an den Tisch.
00:13:54: Das klingt eigentlich ganz logisch, finde ich.
00:13:57: Schon, aber der Prozess, der ist komplex und durchaus ungewöhnlich für Forschungsprogramme.
00:14:03: Markus Fischer macht ein Beispiel zu gefährdeten Moorlandschaften in der Schweiz.
00:14:07: Wenn man Moore wiedervernässen will, renaturieren will, dann ist es natürlich sinnvoll, mit den Landwirten zusammenzuarbeiten
00:14:16: und mit anderen regionalen Akteuren, die dort in die Wirtschaft, in die Gesellschaft eingebunden sind,
00:14:24: weil es die dann alle betrifft.
00:14:26: Und gleichzeitig haben sie natürlich auch ganz viel Wissen, warum ist das eigentlich so gemacht worden,
00:14:31: welche Möglichkeiten haben wir jetzt eigentlich zur Renaturierung, welche Möglichkeiten haben wir da.
00:14:36: Einer, der mit Landwirtinnen und Landwirten zusammenarbeitet, ist Bastien Amez-Droz von Pro Natura.
00:14:44: Er hat bei der Eröffnungsveranstaltung des Programms eindrücklich beschrieben,
00:14:48: was es für eine erfolgreiche Zusammenarbeit braucht.
00:14:51: Ich glaube, das Wichtigste, wenn man vor Ort etwas bewirken will, ist tatsächlich der Kontakt zu den Akteuren vor Ort.
00:15:05: Zum Landwirt, auch zu dessen Brüdern, zu seinem Onkel oder zu denjenigen, die das Grundstück früher bewirtschaftet haben.
00:15:12: Auch wenn die Sichtweise manchmal nicht dieselbe ist oder nicht unbedingt den wissenschaftlichen Standards entspricht,
00:15:18: ist es zentral, dieses Erfahrungswissen, Überzeugungen und Vorurteile zu erschliessen
00:15:23: und dann auf dieser Ebene einen Dialog aufzubauen.
00:15:27: Durch diesen Austausch bildet sich ein Vertrauensverhältnis und gegenseitiger Respekt.
00:15:36: Bis zum Onkel des Landwirts.
00:15:39: Also Vertrauen, gegenseitiger Respekt sind die Grundlagen, um die Probleme gemeinsam zu lösen.
00:15:46: Ohne gegenseitiges Verständnis erreiche man wenig, sagt Bastien Amez-Droz.
00:15:53: Es ist wirklich entscheidend, diese Verbindungen zu den Akteuren vor Ort zu pflegen,
00:15:58: damit wir anschliessend gemeinsam etwas aufbauen können.
00:16:01: Denn ohne Unterstützung oder dem Verständnis der Akteure vor Ort lässt sich nichts umsetzen.
00:16:09: Transdisziplinär heisst dann aber auch, dass es sehr viel Zeit braucht.
00:16:13: Tatsächlich, es kommt aber auch viel zurück.
00:16:16: Das ist eine Qualität dieses Forschungsansatzes, sagt Daniela Pauli.
00:16:21: Es ist ja nicht nur so, dass das Wissen bei der Wissenschaft liegt und bei den Forschenden,
00:16:25: sondern der Einbezug von diesen Akteuren bringt eben ganz neue Wissensaspekte und Erfahrungsaspekte mit ein,
00:16:33: die sonst fehlen würden.
00:16:35: Also es kommen verschiedene Wissenssysteme zusammen
00:16:37: und die Kombination dieser Systeme ist ein Riesenmehrwert.
00:16:42: Wissenssysteme, das klingt vielversprechend, heisst das aber auch, dass das Wissen einer Bäuerin zählt,
00:16:51: selbst wenn es nicht wissenschaftlich belegt ist.
00:16:54: Unbedingt.
00:16:55: Und Daniela Pauli betont, dass dieses Programm eben auch Leute zusammenbringen kann,
00:17:00: die vielleicht sonst gar nicht so viel miteinander sprechen.
00:17:03: Es gibt aktuell viele Gräben, wenn es um Biodiversität oder Naturschutz auch geht,
00:17:09: zwischen anderen Sektoren.
00:17:10: Sagen wir es vielleicht, Landwirtschaft ist im Moment ein schwieriges Verhältnis.
00:17:15: Und gerade weil in diesem Programm die verschiedenen Akteure sich zusammenraufen müssen
00:17:20: und gegenseitig aufeinander hören, die Anliegen kennenlernen,
00:17:23: wissen, wo der Schuh drückt, wo sind die Herausforderungen,
00:17:27: weshalb geht es nicht vorwärts und das wirklich diskutieren kann.
00:17:31: Und eben auch Werthaltungen offenlegen,
00:17:34: weil das heisst auch, dass man die diskutiert und dass sich die verändern können.
00:17:47: Wir haben nun über Transdisziplinarität gesprochen
00:17:51: und wie Forschung und Praxis zusammenarbeiten.
00:17:55: Dein zweiter Begriff, Christian, war Transformation.
00:17:59: Das ist so eines dieser Wörter, die alles und nichts heissen können.
00:18:04: Daniela Pauli grenzt es ab.
00:18:06: Mit Transformation ist wie noch ein Schritt mehr gedacht.
00:18:10: Das soll nicht heissen, dass alles andere, das ich jetzt aufgezählt habe,
00:18:13: nicht nötig wäre, eben auch die Schutzgebiete, nachhaltige Nutzung.
00:18:17: Aber Transformation meint eigentlich wie eine gesamte Veränderung des Systems
00:18:23: in Richtung Einhaltung von der planetaren Grenzen.
00:18:27: Eine gesamte Veränderung des Systems.
00:18:29: Was meint sie damit?
00:18:31: Sie erklärt es am Beispiel einer Firma.
00:18:33: Eine biodiversitätsfreundliche Wiese anzulegen,
00:18:36: beim Firmeneingang zum Beispiel.
00:18:38: Das sei zwar löblich,
00:18:39: aber es verändere das System als Ganzes noch überhaupt nicht.
00:18:44: Transformation würde aber bedeuten,
00:18:46: dass die Firma Biodiversität in ihr Firmenleitbild aufnimmt
00:18:50: und alle Prozesse daran ausrichtet,
00:18:53: dass der negative Impact oder die Auswirkung auf Biodiversität geringer wird,
00:18:57: sich Ziele setzt
00:18:58: und das wirklich im ganzen System der Unternehmung in allen Bereichen umsetzt.
00:19:03: Und das heisst, das sind ganz viele kleine Veränderungen,
00:19:06: ganz viele kleine Schrauben,
00:19:08: die nur schon innerhalb von dieser Firma das System völlig verändern.
00:19:12: Und es ist eben weit mehr als
00:19:14: wir machen jetzt einen Wildbienenkasten vor unserer Haustüre
00:19:18: und noch ein paar Blumen, die wir ansäen.
00:19:21: Der Wildbienenkasten vor der Tür ist noch keine Transformation.
00:19:25: Nein, noch nicht.
00:19:27: Aber das Leitbild ändern wäre eine.
00:19:29: Wenn die Firma neu baut zum Beispiel,
00:19:31: ist die Fassade begrünt,
00:19:33: weil es in der Vorgabe steht
00:19:35: und nicht, weil jemand gerade Lust darauf hatte.
00:19:38: Oder wenn die Firma Holz einkauft,
00:19:40: fragt der Einkauf nach der Herkunft
00:19:42: und ein Angebot ohne Antwort fällt da raus.
00:19:45: Oder wenn der Hausdienst mäht,
00:19:47: mäht er zweimal im Jahr statt zwölfmal
00:19:49: und niemand muss das jedes Mal neu begründen.
00:19:53: Und das ist der Unterschied.
00:19:55: Nicht ein Kasten an der Wand,
00:19:57: sondern eine Regel,
00:19:58: die auch dann noch gilt,
00:20:00: wenn die Biodiversitätsbegeisterte das Unternehmen verlässt.
00:20:03: Genau.
00:20:04: Und Markus Fischer setzt aber noch eine Ebene tiefer an.
00:20:08: Ich würde sagen,
00:20:09: dass Transformation eben bedeutet,
00:20:12: dass die Wertvorstellungen,
00:20:14: die dem Verhalten zugrunde liegen,
00:20:16: überprüft werden müssen
00:20:18: und auch angepasst.
00:20:20: Weil wie gesagt,
00:20:21: im Moment, wie es läuft,
00:20:22: ist eigentlich weder für Mensch noch Natur gut.
00:20:24: und dann nachher natürlich auch das Verhalten sich ändert
00:20:29: und dass wir die Strukturen ändern.
00:20:31: Also will das Biodiversitätsprogramm auch das Verhalten verändern?
00:20:36: Zumindest will es aufzeigen,
00:20:37: wie sich Wertvorstellungen verändern lassen,
00:20:41: wie wir mit der Natur umgehen.
00:20:43: Und genau darum sollen Wertvorstellungen auch erforscht werden,
00:20:47: sagt Daniela Pauli.
00:20:48: Wir gehen wie davon aus,
00:20:50: wir Biodiversitätsbegeisterten,
00:20:52: also alle anderen müssen eigentlich auch begeistert sein von Biodiversität.
00:20:55: Und dann merke ich,
00:20:56: wenn ich über Insekten rede,
00:20:58: dass die Begeisterung nicht überall geteilt wird.
00:21:01: Also auch wie gehen wir mit solchen negativen Gefühlen
00:21:03: gegenüber störenden Elementen von Biodiversität um.
00:21:06: Das sind auch so Fragestellungen,
00:21:08: die uns natürlich beschäftigen.
00:21:09: Ja, stimmt eigentlich.
00:21:11: Stechmücken können zum Beispiel auch sehr lästig sein.
00:21:15: Oder der Biber macht Schäden,
00:21:16: an denen der Mensch nicht immer Freude hat.
00:21:19: Und Werte und vor allem Bewertungen
00:21:21: spielen auch in der Wirtschaft eine wichtige Rolle.
00:21:24: Und auch das ist Gegenstand eigener Projekte.
00:21:27: Markus Fischer nennt zwei Beispiele.
00:21:29: Ein Projekt, das sich mit Lieferketten
00:21:31: und Wertschöpfungsketten beschäftigt
00:21:34: und schaut, wo ist eigentlich die Wertschöpfung
00:21:36: und welche Einflüsse auf die Natur
00:21:40: hat gleichzeitig diese Erzeugung der Wertschöpfung.
00:21:44: Also es ist mehr so ein Beispiel in Richtung Ökonomie.
00:21:47: Da gibt es andere Projekte,
00:21:48: sie beschäftigen sich mit der Wahrnehmung.
00:21:51: Wie wird eigentlich Biodiversität wahrgenommen
00:21:53: und von unterschiedlichen Akteursgruppen.
00:21:56: Lieferketten und Wahrnehmung.
00:21:59: Projekte in einem Biodiversitätsprogramm.
00:22:01: Und die haben eigentlich kaum etwas direkt
00:22:03: mit Pflanzen und Käfern zu tun.
00:22:06: Ja, und sogar Architektur spielt eine Rolle.
00:22:09: Ein Projekt der ETH Zürich
00:22:11: betrachtet Gebäude und urbane Räume
00:22:14: als Teil eines grösseren Ökosystems.
00:22:16: Fassaden und Dächer als Lebensräume
00:22:19: für Menschen und für andere Arten.
00:22:21: Und dafür braucht es ganz unterschiedliche Perspektiven,
00:22:25: sagt Markus Fischer.
00:22:26: Wenn es um die Planung von Gebäuden oder von Quartieren in der Stadt geht.
00:22:31: Und dass eben nicht unbedingt die Architekten immer im Lead sind,
00:22:35: sondern dass man ein ganzes Team von Personen hat,
00:22:39: die diese breiteren Zusammenhänge gerade von Anfang an im Blick hat.
00:22:44: Von den Dächern der Stadt zurück in die Landschaft.
00:22:47: Am Anfang haben wir den Brachvogel gehört,
00:22:50: der bei uns nicht mehr brütet.
00:22:51: Und dafür gibt es auch neue Arten,
00:22:55: die in der Schweiz heimisch werden
00:22:56: und die Biodiversität verändern.
00:22:59: Ja, und das ist interessant.
00:23:00: In Lausanne erstellt ein Team Listen von Arten,
00:23:04: die bis ins Jahr 2060 in der Schweiz
00:23:07: passende Bedingungen finden könnten,
00:23:09: wenn sich das Klima so entwickelt,
00:23:11: wie es prognostiziert wird.
00:23:13: Und dann klärt dieses Team mit Leuten aus Bund,
00:23:16: Kantonen und Gemeinden,
00:23:18: was eine neue Art,
00:23:20: zum Beispiel für die Gesetzgebung oder die Politik
00:23:22: oder auch die Verwaltung bedeuten könnte.
00:23:25: Das Programm ist wirklich breit.
00:23:27: Ja, breit und mehrdimensional.
00:23:30: 15 Projekte aus den Tiefen der Schweizer Seen
00:23:33: bis zur Pflanzenökologie am Fusse des Matterhorns
00:23:36: oder zur Frage,
00:23:38: wie Natur und Biodiversität heute in Schulen
00:23:41: besser vermittelt werden könnte.
00:23:49: Bleibt die Frage,
00:23:51: was am Schluss von diesem Programm übrig bleiben wird.
00:23:54: Aus 15 Projekten und fünf Jahren Forschung.
00:23:57: Daniela Pauli hofft auf etwas,
00:24:00: das über das Programm hinausgeht.
00:24:02: Das bereitet so den Boden vor für etwas Grösseres,
00:24:06: dass man sagt,
00:24:07: wir arbeiten hier eigentlich an der Biodiversität
00:24:10: für die Schweiz gemeinsam
00:24:11: und auch in Zukunft daran denkt,
00:24:14: ich habe hier jetzt etwas herausgefunden,
00:24:16: könnte das nicht auch für die Ökonomie interessant sein?
00:24:18: Oder die Ökonomie denkt,
00:24:20: wir haben doch bei diesem Forschungsprogramm
00:24:22: darüber über Indikatoren geredet.
00:24:24: Da war doch dieser XY,
00:24:25: jetzt nehme ich wieder mit dem Kontakt auf.
00:24:27: Das Ziel ist also auch ein Netzwerk,
00:24:30: das über die Programmdauer andauert.
00:24:33: Und Markus Fischer hofft auf tiefgreifende Veränderungen
00:24:36: im Umgang mit Natur und Biodiversität.
00:24:39: Und das erfordert natürlich ein Umdenken
00:24:42: oder auch ein Umfühlen, wenn man so will,
00:24:44: bei verschiedenen Akteuren.
00:24:47: Und das ist natürlich ein schönes,
00:24:48: scheinbares Nebenprodukt
00:24:50: dieses Programms und der Handlungsempfehlungen da,
00:24:53: das sich aber vielleicht in Zukunft
00:24:55: sogar als Hauptprodukt erweisen könnte.
00:25:05: Bevor wir aufhören, worauf freust du dich
00:25:08: in diesem Programm und in diesem Podcast am meisten?
00:25:12: Aufs Rausgehen.
00:25:13: Wir haben heute über Wiesen, Moore, Städte
00:25:15: und neue Arten geredet.
00:25:17: Ich möchte diese Orte sehen
00:25:18: und mit den Leuten sprechen, die dort forschen
00:25:21: und mit denen, die dort leben und arbeiten.
00:25:24: Und du?
00:25:25: Ich freue mich darauf, genauer hinzuschauen.
00:25:30: Daniela Pauli hat am Anfang gesagt,
00:25:32: dass man das Aussterben nicht spürt.
00:25:36: Und ich möchte merken, was da ist,
00:25:39: was fehlt und was Menschen tun,
00:25:42: damit es bleibt.
00:25:47: «biodivers» ist ein Podcast
00:25:48: des Nationalen Forschungsprogramms 82
00:25:51: zu Biodiversität und Ökosystemleistungen
00:25:54: mit Patricia Michaud und Christian Heuss.
00:25:59: Diesen Podcast gibt es auf Deutsch und Französisch
00:26:02: überall dort, wo es Podcasts gibt.
00:26:05: Alle Infos und Links dazu in den Shownotes.
00:26:10: Das NFP 82 wird gefördert
00:26:13: durch den Schweizerischen Nationalfonds.
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